Cardmarket oder Last Sold: Woran du dich wirklich orientieren solltest
Warum die beliebteste Frage im TCG-Markt falsch gestellt ist – und welche Zahl du stattdessen brauchst.
Warum „Cardmarket oder Last Sold?“ die falsche Frage ist
Die kurze Antwort vorweg: Cardmarkets AVG1 ist kein Last Sold. Es ist laut offizieller Cardmarket-Dokumentation der durchschnittliche Verkaufspreis des letzten Tages. Für liquide Karten in Europa sind AVG7 und AVG30 zusammen mit der aktuellen Angebotslage die beste Basis. Bei seltenen oder gegradeten Karten brauchst du zusätzlich mehrere echte abgeschlossene Verkäufe.
Kaum eine Frage taucht in Sammler-Chats so oft auf wie diese: Soll ich mich am Cardmarket-Preis orientieren oder am letzten tatsächlichen Verkauf? Die Frage klingt vernünftig, führt aber in die Irre. Sie stellt zwei Werte gegeneinander, die gar nicht dieselbe Aufgabe erfüllen.
Cardmarkets Trend- und Durchschnittswerte sind Marktindikatoren. Sie verdichten viele Transaktionen zu einer Zahl und zeigen dir, wo sich ein Markt gerade bewegt. Ein Last Sold ist dagegen eine einzelne Transaktion. Er zeigt dir, was genau ein Käufer genau einmal bezahlt hat – nicht mehr und nicht weniger.
Beide Informationen sind wertvoll. Nur eben für unterschiedliche Fragen. Dieser Beitrag zeigt dir, welche Zahl wann trägt, wo du echte Verkaufsdaten findest und woran du erkennst, dass eine scheinbar präzise Zahl in Wahrheit nichts aussagt. Alle genannten Marktdaten sind Momentaufnahmen vom 5. September 2026 – in einem volatilen Markt können sie wenige Tage später anders aussehen.
Was Cardmarket dir tatsächlich anzeigt
„Den“ Cardmarket-Preis gibt es nicht. Auf einer Produktseite stehen mehrere Zahlen nebeneinander, und sie messen sehr verschiedene Dinge:
From beziehungsweise LOW ist das günstigste aktuell verfügbare Angebot. Das ist ein Angebotspreis, kein Verkaufspreis. Niemand hat diese Karte zu diesem Preis gekauft – jemand möchte sie nur dafür verkaufen.
Price Trend ist Cardmarkets Trend-Referenzwert für das Produkt. AVG1, AVG7 und AVG30 sind die durchschnittlichen Verkaufspreise über einen, sieben beziehungsweise 30 Tage. SELL wiederum ist der Durchschnittspreis aller jemals verkauften Exemplare dieses Produkts.
Entscheidend ist, was in dieser Liste fehlt: In Cardmarkets öffentlich dokumentierten Preisfeldern und Price-Guide-Daten gibt es kein transaktionsgenaues, marktweites Last-Sold-Feld mit Preis, Datum, Sprache und Zustand. Der öffentliche Price Guide wird einmal täglich aktualisiert und liefert aggregierte Kennzahlen – keine Liste einzelner Verkäufe. Wer dir erzählt, er habe „den Last Sold auf Cardmarket abgelesen“, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit AVG1 gelesen.
TCGplayer trennt die Begriffe sauberer. Dort ist der Market Price ein aus jüngeren abgeschlossenen Verkäufen abgeleiteter Wert, während Most Recent Sale tatsächlich den zuletzt verkauften Artikel unter den gesetzten Filtern bezeichnet. Das ist ein echter Last Sold. Der dort ebenfalls angezeigte Listed Median bezieht sich dagegen wieder auf Angebote und kann deutlich über dem liegen, was zuletzt wirklich bezahlt wurde.
AVG1 ist kein Last Sold – und warum das praktisch wichtig ist
Rechne es einmal durch. Angenommen, eine Karte wurde an einem Tag dreimal verkauft: für 80 Euro, für 100 Euro und für 120 Euro. AVG1 liegt dann vereinfacht bei 100 Euro. Der letzte Verkauf war trotzdem 120 Euro. Beide Zahlen sind korrekt, und beide beschreiben denselben Tag – sie beantworten nur verschiedene Fragen.
Der wichtigere Punkt ist ein anderer: Aus AVG1 kannst du nicht erkennen, wie viele Transaktionen dahinterstehen. Ein AVG1 von 400 Euro sieht sehr präzise aus. Er kann aber auf zehn Verkäufen um 400 Euro beruhen – oder auf genau einem einzigen. Im ersten Fall hast du ein belastbares Signal. Im zweiten Fall hast du eine Einzelbeobachtung, die zufällig wie eine Statistik aussieht.
Genau diese Informationslücke ist der größte Unterschied zwischen Cardmarket und Werkzeugen, die auf Einzeltransaktionen arbeiten. Bei illiquiden Karten, bei denen ohnehin nur wenige Exemplare den Besitzer wechseln, wiegt sie besonders schwer. Und sie erklärt, warum ein Tagesdurchschnitt bei günstigen Karten wild schwanken kann, ohne dass sich am Markt irgendetwas geändert hätte.
Bevor ein Preis überhaupt gilt, muss die Karte eindeutig sein
Die meisten Preisdiskussionen sind in Wahrheit keine Preisprobleme, sondern Identitätsprobleme. Zwei Leute reden über „dieselbe Karte“ und meinen zwei völlig verschiedene Objekte.
Sieben Merkmale entscheiden über den Preis
Set, Kartennummer, Edition, Druckvariante, Sprache, Holo-Status und Zustand: Erst wenn alle sieben feststehen, ist ein Preisvergleich überhaupt zulässig. Der Zustand allein kann den Wert einer Karte um Größenordnungen verschieben – und er ist zugleich das Merkmal, über das sich Käufer und Verkäufer am häufigsten uneinig sind.
Wo du echte Verkaufspreise findest
Wenn du einen echten Last Sold brauchst, ist eBay Product Research im Seller Hub derzeit das wichtigste offizielle Werkzeug. Es enthält bis zu drei Jahre Verkaufsdaten – die normale Suche nach beendeten Angeboten reicht nur rund 90 Tage zurück.
Der entscheidende Vorteil betrifft angenommene Preisvorschläge: Product Research zeigt bei einem akzeptierten Best Offer den tatsächlich gezahlten Preis, nicht den ursprünglich geforderten. Der lange verbreitete Tipp, man brauche dafür zwingend einen Drittanbieter, ist damit überholt.
So gehst du sauber vor:
Erstens suchst du so exakt wie möglich – Kartenname, Set, Kartennummer, Variante, Sprache und bei gegradeten Karten Gradingfirma plus Grade. „Glurak“ allein ist keine Suche, „Glurak 199/165 PSA 10“ schon.
Zweitens filterst du Zustand, Zeitraum, Listing-Format sowie Käufer- und Verkäuferstandort. Für eine in Deutschland zu verkaufende Karte lohnt es sich, europäische Verkäufe getrennt von US-Verkäufen anzusehen.
Drittens – und das ist der Kern – nimmst du nicht den einen neuesten Treffer, sondern eine Gruppe der jüngsten passenden Verkäufe. Lots, Bundles, falsche Varianten, Autogramme, beschädigte Exemplare und abweichende Grades fliegen aus dem Vergleich.
Viertens sicherst du Belege, solange es geht. Original-Listings lassen sich in der Regel nur öffnen, solange sie aktiv sind oder innerhalb der letzten rund 90 Tage verkauft wurden. Wer später noch nachvollziehen will, worauf seine Bewertung beruhte, notiert sich Datum, Titel und Merkmale sofort.
Bei TCGplayer ist der Weg kürzer: Auf der Produktseite zuerst Printing und Condition korrekt auswählen, dann Most Recent Sale und Market Price nebeneinander lesen. Ohne gesetzte Filter sind beide Werte wertlos, weil sie dann quer über alle Zustände laufen.
Die Tool-Landschaft – und was sie wirklich leistet
Neben den Marktplätzen selbst gibt es eine ganze Reihe spezialisierter Dienste. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen First-Party-Daten – also Verkäufen auf dem eigenen Marktplatz – und aggregierten Drittanbieterdaten, die Listings verschiedener Plattformen einsammeln und einer Karte zuordnen müssen.
Card Ladder ist auf historische Einzelverkäufe und marktplatzübergreifende Vergleiche spezialisiert. Nach Anbieterangaben umfasst die Datenbank über 100 Millionen Verkäufe aus Quellen wie eBay, Goldin, Heritage und Fanatics, öffentliche Verkaufsdaten reichen zurück bis 2000, dazu kommen Population Reports von PSA, BGS, SGC und CGC. Der Pro-Tarif kostet 20 US-Dollar monatlich oder 200 US-Dollar jährlich, mit siebentägigem Testzeitraum.
PSA Auction Prices Realized ist frei zugänglich, deckt nach PSA-Angaben über fünf Millionen Auktionsergebnisse ab und wird täglich aktualisiert – allerdings ausschließlich für PSA-zertifizierte Objekte. Für eine PSA 10 ist das die naheliegendste Zweitmeinung.
Alt richtet sich klar an Slab-Sammler. Der Instant Pricer zeigt jüngste PSA- und BGS-Transaktionen, ausdrücklich ohne SGC, und ist nur in der mobilen App verfügbar. Der vollständige Sold-History-Zugang kostet 15 US-Dollar monatlich. Wichtig bei Alt-Auktionen: Auf den Hammerpreis kommt derzeit ein Buyer's Premium von 20 Prozent.
Collectr deckt Raw- und Graded-Vergleiche ab und lässt die zugrunde liegenden Sold Listings öffnen. PRO erweitert die Preishistorie auf fünf Jahre und mehr, aktuell für 7,99 US-Dollar monatlich beziehungsweise 59,99 US-Dollar jährlich. 130point bietet eine kostenlose Suche über mehrere Marktplätze hinweg – eBay, Fanatics Collect, Goldin, MySlabs, Pristine Auctions und Heritage – inklusive Best-Offer-Filter. Market Movers nennt Vergleichsverkäufe zurück bis 2001 bei Tarifen von 9,99 bis 49,99 US-Dollar monatlich und warnt selbst vor Fehlzuordnungen durch falsch betitelte Listings. PriceCharting verarbeitet eBay- und eigene Marketplace-Verkäufe, trennt Ungraded sauber von Grade 7, 8, 9, 9.5, PSA 10 und BGS 10 – und schließt Versandkosten ausdrücklich aus.
Dieser letzte Punkt ist kein Detail. TCGplayers Händlerdokumentation behandelt „Last Sold Listing“ als Preis plus Versand, PriceCharting rechnet ohne Versand, und Cardmarket berechnet Versand ohnehin separat nach Herkunftsland, Zielland, Gewicht und Abmessungen. Wer diese Werte unbereinigt nebeneinanderstellt, vergleicht nicht dieselbe wirtschaftliche Größe.
Zwei Karten, zwei Lektionen
Theorie ist das eine. Diese beiden Momentaufnahmen vom 5. September 2026 zeigen, wie weit die Zahlen auseinanderlaufen können – und warum das kein Datenfehler ist.
Giratina VSTAR GG69: Wenn der günstigste Preis in die Irre führt
Die Cardmarket-Momentaufnahme zeigt 334 verfügbare Artikel: From 148,00 €, Trend 320,87 €, AVG30 361,36 €, AVG7 315,00 €, AVG1 387,00 €. Der Abstand zwischen 148 € und 387 € wirkt dramatisch – bis man hinsieht: Das günstigste sichtbare Angebot hat den Zustand Good, ein Near-Mint-Angebot beginnt in der abrufbaren Liste deutlich höher. Der From-Preis ist damit kein Marktwert, sondern der Preis des am stärksten gespielten Exemplars. Ein öffentlicher Einzel-Last-Sold war bei Cardmarket nicht zu ermitteln. Die Karte stammt übrigens aus Crown Zenith.
Blue-Eyes White Dragon: Wenn Edition und Zustand alles verändern
Hier liegen die Werte noch weiter auseinander: From 4,56 €, Trend 457,12 €, AVG30 466,88 €, AVG7 45,25 €, AVG1 105,00 €. Die günstigsten sichtbaren Exemplare haben den Zustand Poor. TCGplayer weist für Near Mint Unlimited einen Most Recent Sale von 115,00 US-Dollar und einen Market Price von 120,76 US-Dollar aus – für Near Mint 1st Edition dagegen einen Vergleichswert von 2.007,50 US-Dollar. Das ist kein Fehler in den Daten. Edition, Druckvariante und Zustand verändern den Preis schlicht um Größenordnungen. Ein ungefilterter „Blue-Eyes-Preis“ ist praktisch bedeutungslos.
So bewertest du eine Karte – in zwei Varianten
Für eine normale, liquide Raw-Karte in Deutschland funktioniert dieser Ablauf zuverlässig: Version exakt bestimmen, Sprache und Zustand filtern, dann Cardmarket in der Reihenfolge AVG30, AVG7, AVG1 lesen. AVG30 gibt dir den ruhigen Hintergrund, AVG7 die jüngere Richtung, AVG1 den aktuellen Tag. Anschließend prüfst du drei bis zehn wirklich vergleichbare aktive Angebote und ziehst bei Bedarf TCGplayer- oder eBay-Verkäufe als Gegenprobe heran.
Für eine seltene oder mehrere hundert Euro teure Karte dreht sich das Gewicht: Version bestimmen, mehrere tatsächlich verkaufte Exemplare sammeln, Zustand und Edition angleichen, daraus den Median oder eine realistische Spanne bilden – und Cardmarkets Angebotslage nur noch als Liquiditätscheck verwenden. Bei gegradeten Karten führt der Weg über eBay Product Research mit exaktem Grade, ergänzt um PSA Auction Prices Realized und Card Ladder.
Und noch etwas: Ein US-Verkauf wird nicht dadurch zum deutschen Marktpreis, dass du ihn umrechnest. TCGplayer ist ein US-Marktplatz und rechnet in US-Dollar ab, Versandkosten unterscheiden sich, und Cardmarket informierte im Juni 2026 darüber, dass für bestimmte gewerbliche Importe von außerhalb der EU seit Juli 2026 auch unterhalb von 150 Euro Warenwert mindestens drei Euro Zollgebühr anfallen können.
Wenn am Ende nur zwei alte Einzelverkäufe übrig bleiben, ist die ehrlichste Antwort keine Kommazahl. „Zuletzt etwa 800 bis 900 Euro, geringe Liquidität“ sagt mehr aus als ein scheingenauer Wert von 847,36 Euro – und schützt dich davor, eine Zufallszahl für eine Marktwahrheit zu halten. TCGplayer selbst weist die Preisvolatilität bei zu geringem Verkaufsvolumen konsequenterweise als „indeterminate“ aus.
Die eigentliche Antwort auf die Ausgangsfrage lautet deshalb: Orientiere dich weder blind am Cardmarket-Preis noch blind am Last Sold, sondern an der richtigen Stichprobe für genau deine Karte. Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung und weder Rechts-, Steuer- noch Anlageberatung.


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